Gesteuert oder ungesteuert?



Der Hochwasserrückhalteraum Bellenkopf/Rappenwört

Stellungnahme der Verbände BUND, NABU und LNV


Durch den 1955 begonnenen Oberrheinausbau gingen bis zur Fertigstellung der Staustufe Iffezheim im Jahr 1977 ca. 130 km2 Überflutungsfläche verloren, wodurch sich der bis 1955 bestehende 200-jährliche Hochwasserschutz am Rhein auf einen 60-jährlichen Schutz verringerte. Mit Extrem-Hochwasser (5.000 m3/s Abfluss am Pegel Maxau), das früher im statistischen Mittel alle 200 Jahre vorkam, war jetzt unterhalb der Staustufe Iffezheim alle 60 Jahre zu rechnen. Als Reaktion auf die erhöhte Gefahr legte die Deutsch-Französische Vereinbarung 1982 fest, im Elsass, in der Pfalz und in Baden-Württemberg Hochwasserrückhalteräume zu schaffen, um den früheren Hochwasserschutz wieder zu gewährleisten. Baden-Württemberg sieht in seinem 1988 verabschiedeten Hochwasserschutzprogramm (Integriertes Rheinprogramm IRP) 13 Rückhalteräume vor, darunter Bellenkopf/Rappenwört.

Der Rückhalteraum Bellenkopf/Rappenwört erstreckt sich von Rheinstetten-Neuburgweier bis zum Karlsruher Rheinhafendampfkraftwerk und wird rheinseitig vom Hochwasserdamm XXV, landseitig vom Hochwasserdamm XXVI begrenzt. Noch vor 70 Jahren wurden Teile dieses Gebiets bei Hochwasser regelmäßig überflutet. Auf einer Fläche von 510 ha soll es bis zu 14 Mio. m3 Rheinwasser aufnehmen, d.h. 8,3 % des rechtsrheinisch zu erbringenden Rückhaltevolumens. Seit einigen Jahren bereitet das Regierungspräsidium Karlsruhe das Planfeststellungsverfahren vor, wobei derzeit im Wesentlichen zwei Varianten untersucht werden. Die Entscheidung darüber, mit welcher Variante die Planfeststellung eröffnet wird, soll im Frühjahr 2007 fallen.

Die Varianten

Der Rückhalteraum ist zu 67 % bewaldet (Bellenkopf, Äußerer Kastenwört und Rappenwört) und steht als NATURA 2000 Gebiet unter dem Schutz der EU. Bei beiden Varianten erfolgt die Verbindung zum Rhein über 5 Öffnungen im Damm XXV.

Variante I: Ungesteuerter Rückhalteraum mit nicht verschließbaren Dammöffnungen. Je nach Rheinwasserstand werden seine Gräben verschieden stark durchströmt; an wenigen Tagen im Jahr kann es zur Überflutung seiner gesamten Fläche kommen (natürliche Flutungen)

Variante II: Gesteuerter Rückhalteraum mit Einlassbauwerken, die offen stehen, solange am Pegel Maxau nicht mit einem Abfluss über 4.000 m3/s (Pegelstand 8,40 m) zu rechnen ist. Auch er wird je nach Rheinwasserstand verschieden stark durchflossen (ökologische Flutungen). Werden Abflussmengen über 4.000 m3/s erwartet, so wird der Rückhalteraum durch Schließen der Bauwerke geleert. Droht Extrem-Hochwasser (Abfluss über 5.000 m3/s; Pegelstand über 9,18 m), so werden die Bauwerke wieder geöffnet, um einen Teil des Wassers aufzunehmen (Retentionsfall).

Für den Besucher unterscheiden sich die Varianten im Blick auf die Flutungen kaum. In den letzten 60 Jahren wurde der Abfluss 4.000 m3/s (zum Vergleich: Die Schifffahrt ruht ab ca. 3.000 m3/s) gerade 8 Mal überschritten, und dann zumeist nur für wenige Stunden - bei Variante II hätte man den Rückhalteraum also nur selten und für kurze Zeit geschlossen. Bei Variante I, deren Öffnungen im Damm XXV breiter sind als die der Variante II, durchströmt das Wasser den Rückhalteraum jedoch mit höherer Geschwindigkeit. Bezüglich Hochwasserschutz, Umweltverträglichkeit, Baukosten und Auswirkung einer Rheinkontamination zeigt der Variantenvergleich:

  • Beide Varianten stellen zusammen mit den restlichen 12 IRP-Räumen den 200-jährlichen Hochwasserschutz unterhalb der Staustufe Iffezheim wieder her. Erst bei Hochwässern, die seltener als alle 200 Jahre auftreten, ist Variante II besser als Variante I (zum Vergleich: Für Donau und die restlichen Baden-Württembergischen Gewässer wird derzeit ein 100-jährlicher Hochwasserschutz angestrebt).
  • Beide Varianten führen zu schwerwiegenden Eingriffen im Sinne des Bundesnaturschutzgesetzes und zu erheblichen Beeinträchtigungen des NATURA-2000 Gebiets. Variante I ist jedoch jeweils günstiger zu bewerten als Variante II. Die bei Variante I deutlich stärkere Durchströmung des Rückhalteraums wirkt sich bei Extrem-Hochwasser (Retentionsfall) positiv auf das Überleben von Flora und Fauna aus und erhöht nach Eintrag belasteter Schwebstoffe die Selbstreinigung des Raums.
  • Variante I ist kostengünstiger als Variante II. Nach aktuellen Berechnungen beträgt der Unterschied rund 20 %.
  • Bei Kontamination des Rheins kann der Eintrag belasteten Wassers bei Variante II, nicht aber bei Variante I, durch Schließen der Bauwerke vermieden werden, falls kein Retentionsfall vorliegt. Der Sandoz-Unfall von 1986, bei dem der Rhein schwere Schäden erlitt, ist unvergessen. Die Organismen seiner Auengewässer wurden damals jedoch kaum geschädigt und trugen zur Wiederbesiedelung des Stromes bei. Da während eines Retentionsfalls eingetragene Schadstoffe bei der schlechter durchströmten Varianten II verstärkt abgesetzt werden, gleichen sich Vor- und Nachteile beider Varianten an.

Keine Gefahr für das Karlsruher Trinkwasser

Im Inneren Kastenwört, der östlich an den Rückhalteraum anschließt, planen die Stadtwerke Karlsruhe den Bau eines Wasserwerks mit 7,4 Mio. m3 Wasserentnahme pro Jahr und fürchten, dass das Grundwasser durch Flutung des Rückhalteraums verunreinigt wird. Da es vom Grundwasserstrom aus dem Schwarzwald gespeist wird, ist es derzeit von hervorragender Qualität. Wird mehr Grundwasser entnommen als über den Zustrom nachgeliefert werden kann, fließt Uferfiltrat aus dem Rhein nach und beeinträchtigt die Wasserqualität. Bei der geplanten Fördermenge geht man ohne Rückhalteraum von 11-12 % Rheinuferfiltrat im geförderten Wasser aus (vergl. Drucksache 14/227 des Landtags Baden-Württemberg); nach Fertigstellung des Rückhalteraums erhöht sich dieser Wert bei Extrem-Hochwasser auf 24 % (Variante I) bzw. 22% (Variante II). Wird allerdings die Fördermenge halbiert, so reicht der Grundwasserstrom aus dem Schwarzwald aus, um die Wasserentnahme auszugleichen, ohne dass Rheinuferfiltrat nachfließt. Um das Grundwasser nachhaltig zu schützen, ist die Fördermenge deshalb entsprechend zu drosseln.

Wie die Stadtwerke betonen, soll das geplante Wasserwerk im Inneren Kastenwört die Trinkwasserversorgung von Karlsruhe sicherstellen. Tatsächlich nahm der Trinkwasserbedarf des Raums Karlsruhe in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich ab und lag 2004 bei 17,8 Mio. m3 (vergl. Graphik). Dieser Bedarf wird von den 3 derzeit voll einsatzfähigen Wasserwerken selbst bei mehrwöchigem Ausfall eines Wasserwerks (WW) gedeckt (erlaubte Fördermenge in Mio. m3/Jahr: WW Hardtwald 10,0 - WW Mörscher Wald 7,6 - WW Rheinwald 17,5). Allerdings nahm die Wasserabgabe an das Umland (Weiterverteiler) in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich zu. Soll WW Kastenwört dazu beitragen, dass die Stadtwerke in Zukunft deutlich mehr Trinkwasser ins Umland liefern können? Als Vertreter der Stadtwerke erläuterte Dr. Mathias Maier hierzu im Rheinstettener Gemeinderat, die tägliche durchschnittliche Wasserabnahme würde von knapp 65.000 m3 auf 88.000 m3, d.h. um 35 %, steigen (BNN Ettlingen, 24.11.2005). Das betriebswirtschaftliche Interesse der Stadtwerke scheint hier auf das öffentliche Interesse, nämlich einen nachhaltigen Grundwasser- und Hochwasserschutz, zu treffen.

Naturschutzverbände bevorzugen die ungesteuerte Variante I

Die Natur- und Umweltschutzverbände BUND, LNV und NABU stehen hinter dem Integrierten Rheinprogramm IRP des Landes Baden-Württemberg. Dieses besagt: „Es ist eine geschlossene Konzeption zur Wiederherstellung des Hochwasserschutzes und – gleichrangig – für die Erhaltung und Renaturierung auetypischer Biotopsysteme in einer lebensfähigen Rheinlandschaft zu entwickeln und zügig zu verwirklichen“. Der Rückhalteraum Bellenkopf/Rappenwört ist von den 13 Räumen des IRP aufgrund seiner Lage und Form der einzige, in dem - als Variante I - beide Ziele des IRP voll umgesetzt werden können.

Für Variante I sprechen außerdem ihre bessere Umweltverträglichkeit und die niedrigeren Baukosten. Zusammen mit den anderen Räumen des IRP stellt sie den 200-jährlichen Hochwasserschutz wieder her und gleicht bei Rheinkontamination auftretende Nachteile durch bessere Durchströmung weitgehend aus. Deshalb favorisieren die Verbände die Variante I.

Die Verbände erinnern daran, dass der bis 1955 bestehende 200-jährliche Hochwasserschutz, nachdem Frankreich und die Pfalz ihre Verpflichtungen weitgehend erfüllt haben und in Baden 3 Rückhalteräume einsatzbereit sind, gerade einmal bei 120 Jahren angelangt ist. Deshalb fordern sie, die noch ausstehenden 10 Räume zügig fertig zu stellen.

Hinsichtlich der Gefährdung durch kontaminiertes Rheinwasser geben die Verbände zu bedenken, dass die Rheinanliegerstaaten nach dem Sandoz-Unfall erhebliche Verbesserungen erreicht haben. Seit 1986 hat sich kein vergleichbarer Vorfall ereignet und die Rheinwasserqualität ist heute deutlich besser. Auf diesem Weg muss im Interesse aller Rheinanlieger fortgeschritten werden, insbesondere aber für jene rund 20 Millionen Menschen, die einen Teil ihres Trinkwassers aus dem Fluss beziehen.

Dorothea Harms, BUND Regionalverband Mittlerer Oberrhein, 10.12.2006



BUND Kindergruppen in Karlsruhe

Weitere Infos / Kontakt:
Simone Gilbert
kindergruppen.mittlerer-oberrhein@bund.net
Telefon 0721 35 85 82

Neuigkeiten:

Kurzer Abriss der Lagerung von hoch- und mittelaktiven Atommüll im KIT Nord

 

 

 

 

Im Norden von Karlsruhe, in der Nähe der kleinen Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen, liegt das ehemalige Kernforschungszentrum Karlsruhe – heute Karlsruher Institut für Technologie (KIT-Nord).

Nach 23 Jahren Wiederaufarbeitung steht hier das nun größte oberirdische Zwischenlager der Republik mit Zigtausend Fässern Atommüll. Fast 1.700 davon sind rostig. Dennoch sind weitere Hallen für noch mehr Strahlenmüll geplant. Und ungeachtet der Entsorgungs-Probleme vor der eigenen Haustür forscht man fleißig weiter an einem Atomreaktor der „IV. Generation“

 Das KIT-Nord wurde 1956 gegründet und betrieb mehrere Forschungsreaktoren. Darunter den Forschungsreaktor 2 (FR 2) als ersten in Eigenbau realisierten deutschen Natururanreaktor, den Brutreaktor-Prototyp „Kompakte Natriumgekühlte

Kernreaktoranlage“ (KNK II – der erste hatte vor seiner Beladung mit Brennstäben einen Natriumbrand), die 1990 stillgelegte Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) sowie den Mehrzweckforschungsreaktor (MZFR).

In der WAK wurde die Technologie erprobt, die später einmal im bayerischen Wackersdorf kommerziell genutzt werden sollte. Daraus wurde dort aber nichts, weil der Widerstand der Bevölkerung zu stark war. 1991 war in Karlsruhe Schluss mit der Wiederaufarbeitung von Brennstäben. Übrig blieben 70.000 Liter hochradioaktive Flüssigabfällle, „High Activ Waste Concentrate“ (HAWC) genannt, die zwischen September 2009 und November 2010 in der eigens dafür gebauten Verglasungsanlage bearbeitet, verglast und in sogenannte Kokillen gefüllt wurden. Diese, immer noch hochradioaktiv, wurden dann in Castor-Behältern nach Lubmin gebracht.

Der Rückbau der kerntechnischen Versuchsanlagen am ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) geschah bis zum Jahr 2009 in der Verantwortung des KfK durch den "Geschäftsbereich Stilllegung". Bei der Gründung des "Karlsruher Instituts für Technologie (KIT)" ging dieser Geschäftsbereich in die "WAK GmbH" über, einem Tochterunternehmen der "Energiewerke Nord GmbH (EWN)". Im Februar 2017 wurde aus der WAK GmbH die Firma "Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe GmbH (KTE)". Seither sind die über 1.000 Beschäftigten mit dem weiteren Abriss der Atomreaktoren und der WAK beschäftigt.

 

• Bau des ersten Atommüll-Lagers: 1958

• Reaktion auf zu hohe Strahlungswerte 1974:

Zaun wird weiter nach außen versetzt

• Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle heute: 6

• Gelagerte Atommüll-Menge (Oktober 2012): 67.200 m.

• Lagerkapazität: 78.000 m.

• Erweiterung beantragt um: 30.000 m.

• Hoffnung: Einlagerung in „Schacht Konrad“ ab 2023

• „Wiederaufarbeitungsanlage“ Karlsruhe (WAK): 1971–1990

• Baukosten: ca. 30 Mio. €

• Angefallene hochradioaktive „Atomsuppe“: 70.000 Liter

• Bisherige „Lösung“ dafür: Verglasung und Abtransport ins

Zwischenlager Lubmin

 

 

 

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Größtes deutsches Zwischenlager für schwach- und mittelaktiven Atommüll liegt im Hardtwald bei Karlsruhe

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